Schlichte Worte auf einer Emaile-Tafel. Keine Erklärung. Nur ein Blick auf das Ganze: auf den Tag, die Nacht, das Leben – als Wunder. Und ein Dank.
Sie stammen von Hannelore Kraus, Politologin, Gastgeberin, Widerständige. Über vier Jahrzehnte lang führte sie im Frankfurter Bahnhofsviertel eine kleine Pension. Ein Haus mit zehn Zimmern – und offenem Geist. Künstler:innen, Verleger:innen, Intellektuelle, Nomad:innen, Freigeister – wer an ihre Tür klopfte, war willkommen, solange er oder sie mit Respekt kam. Die *Pension Aller* war mehr als ein Ort zum Übernachten. Sie war Bühne, Schutzraum, Denkraum. Eine Welt im Kleinen, in der sich große Gespräche entfalten konnten.
Ende der 1980er Jahre wurde sie zur Symbolfigur: Als direkt neben ihrer Pension der höchste Büroturm Europas entstehen sollte – der sogenannte Campanile –, wehrte sie sich. Nicht, weil sie Angst um ihr Haus hatte. Sondern um das Viertel. Um die sozialen Strukturen, die Nachbarschaft, die Vielfalt. Sie erkannte früh, was später unter dem Begriff Gentrifizierung in aller Munde sein sollte: Dass Architektur Gesellschaft formt. Und dass Luxuswohnungen, Renditeprojekte und städtebauliche Symbole nicht nur Beton, sondern auch Verdrängung mit sich bringen.
Sie sagte Nein – vor Gericht, gegen Geld, gegen Druck. Nicht aus Prinzip, sondern aus Verantwortung. Für einen Ort, der mehr war als ein Grundstück.
Heute hängen ihre Worte auf dem Union-Gelände. Auch hier geht es um Stadt – aber anders. Um eine Idee von Stadt, die Vielfalt nicht nur zulässt, sondern schützt. Die nicht ausgrenzt, sondern Räume schafft. Für Kunst. Für Gemeinschaft. Für eine andere Form des Zusammenlebens. So gesehen ist Hannelore Kraus eine stille Verbündete: Sie hat sich eingesetzt für ein Frankfurt, das nicht nur glänzt, sondern atmet.
Ihre Worte bleiben – leise, klar, unbestechlich:
Der Tag. Die Nacht. Das Leben. Ein Wunder.